Barrierefreiheit

Veröffentlicht 23. Juni 2022

von Florian Uhlig

Barrierefreiheit von Beginn an mitdenken

Das Internet wurde an nach dem Prinzip entwickelt „This is for everyone“. Aus diesem Grund sollte eine Website beziehungsweise eine Software möglichst barrierefrei und für alle zugänglich sein.

Aber wie bucht man als blinder Mensch ein Bahnticket, wenn kein Bahnhof mit Kundencenter oder Automat in der Nähe ist? Für sehende Menschen ist die Antwort klar: in der App. Ist diese nicht barrierefrei gestaltet, stellt das für Menschen mit Beeinträchtigungen eine Herausforderung dar.

Unsere Prozesse werden digitaler: Arzttermine buchen, Führerschein beantragen… teilweise führt kein Weg mehr daran vorbei, Aufgaben im Netz oder über digitale Tools zu erledigen. Entsprechend sind viele Menschen online unterwegs. Für Menschen mit Einschränkungen ist es oft nicht einfach, Websites oder Software zu bedienen. Barrierefreie Funktionen sucht man häufig vergebens.

Herausforderungen beim Thema Barrierefreiheit

Zunächst ist es wichtig zu verstehen, dass barrierefrei nicht mit behindertengerecht gleichgesetzt werden kann. Es geht vielmehr darum, inklusiv zu sein.

Eine große Herausforderung liegt darin, alle Beteiligten für das Thema zu sensibilisieren. Denn alle Personen in der digitalen Wertschöpfungskette sind für die Barrierefreiheit verantwortlich – ganz gleich, ob sie Design, Konzept, Code, Qualitätssicherung oder Inhalt erarbeiten. Inklusion muss auf allen Ebenen des Entstehungsprozesses einer Website oder Software mitgedacht werden. Daher ist es wichtig, ein gemeinsames Verständnis dafür zu schaffen, wie etwas barrierefrei entwickelt werden soll.

Zudem ist es essenziell, sich in die verschiedenen Kontexte von Beeinträchtigungen hineinzuversetzen, um die Software oder Website entsprechend entwickeln und testen zu können. Automatisiertes Testen kann schätzungsweise nur 40 Prozent der Probleme aufdecken. Daher sind regelmäßige Tests mit betroffenen Personen umso wichtiger, um Verbesserungsmöglichkeiten zu erkennen.

Beispiele für barrierefreie Features

Barrierefreiheit lässt sich teilweise einfach umsetzen. Blinde Personen nutzen meist einen Screenreader oder eine Sprachsteuerungssoftware. Bei Websites gibt es die Möglichkeit, Alternativtexte für Bilder zu hinterlegen. Dieser Alternativtext kann vom Screenreader vorgelesen werden.

Ein weiterer Punkt ist die Nutzung von Icons. Ist ein Feld in einem Formular unvollständig ausgefüllt, erscheint oft eine Meldung in roter Farbe. Menschen mit einer Rot-Grün-Schwäche können dies nicht erkennen. Anstelle von Farben können Icons oder textliche Indikatoren verwendet werden, um auf Probleme aufmerksam zu machen.

Auch das Thema Sprache ist ein wichtiger Aspekt. Hiermit sind zum einen Übersetzungen gemeint. Zum anderen fällt darunter die leichte Sprache. Diese kommt insbesondere bei Behörden zum Tragen, wenn Fachwörter verwendet werden, die nicht für jede:n verständlich sind.

Richtlinien für die Umsetzung

In Deutschland gibt es Richtlinien für die Umsetzung von Barrierefreiheit. Die Grundlage bietet das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) mit der Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0). Diese Richtlinien sind Adaptionen des internationalen Standards WCAG (Web Content Accessibility Guidelines) und gelten bislang nur für öffentliche Stellen.

Ab dem Jahr 2025 wird die EU-Richtlinie „European Accessibility Act“ in nationales Recht umgesetzt. Ab diesem Zeitpunkt wird Barrierefreiheit in Deutschland auch für kommerzielle Produkte verpflichtend. Dies wird Unternehmen vor große Herausforderungen stellen. Die Motivation, Software barrierefrei umzusetzen, sollte nicht durch gesetzliche Vorgaben entstehen, aber so erhält das Thema immerhin die notwendige Aufmerksamkeit.

CoP Barrierefreiheit bei team neusta

Innerhalb der Unternehmensgruppe nehmen wir uns dem Thema mittels einer Community of Practice (CoP) an. Interessierte tauschen sich hier regelmäßig aus. Unser Ziel ist es, Wissen aufzubauen und innerhalb der Unternehmensgruppe zu verbreiten. Zudem möchten wir die Kolleg:innen für das Thema sensibilisieren. Unter anderem haben wir dazu einen Vortrag beim Freitagsfrühstück gehalten. Seitdem wird die CoP auch als eine Art Forum genutzt, in dem Kolleg:innen Fragen stellen können. Außerdem erhalten wir Anfragen, Audits für Kundenprojekte durchzuführen. Heißt: Wir testen mittels Prüfverfahren, wie barrierefrei eine Software oder Website ist und geben Handlungsempfehlungen.

Den Anfang machen

Wichtig ist, einfach anzufangen und nicht auf rechtliche Vorgaben oder Anforderungen der Kund:innen zu warten. Es gibt zum Beispiel zahlreiche Vorträge von Betroffenen, die die Bedeutung von Barrierefreiheit erklären.

Barrierefreiheit lässt sich mit responsivem Design vergleichen. Responsives Design wurde zunächst als technische Herausforderung gesehen. Hierfür musste Verständnis geschaffen werden. Mittlerweile ist es nicht mehr wegzudenken. Genauso sollte Barrierefreiheit zum Standard werden und nicht als optional oder als Zusatzaufwand verstanden werden. Es ist ein Lernprozess und ein Investment – aber es ist richtig, es zu tun. 

Um es mit Grace Hoppers Worten zu sagen: „It’s easier to ask forgiveness than it is to get permission”.


Dein Experte: Florian Uhlig ist Softwareentwickler bei neusta software development. Er engagiert sich in der CoP Barrierefreiheit. Im Rahmen von Kundenprojekten hat er bereits mehrere Audits für Barrierefreiheit durchgeführt.


Du willst mehr über das Thema erfahren?
Florian Uhlig freut sich, von dir zu hören: f.uhlig@neusta.de

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