
Veröffentlicht 5. Februar 2026
von Dirk Langenheim
DXP-Trends 2026: Zwischen Architektur, KI, Governance und Resilienz
Stellen Sie sich vor: Ihr Online-Shop entscheidet selbstständig, welchem Kunden er ein Rabatt-Angebot macht. Ihre Website wird von Google nicht mehr gefunden, weil KI-Systeme Ihre Inhalte nicht verstehen. Und Ihr IT-Team verbringt Wochen damit, neue Features zu integrieren, weil unklar ist, wer wofür verantwortlich ist.
Solche Szenarien sind längst keine Zukunftsmusik mehr. DXP-Trends 2026 zeigen deutlich: Der Engpass liegt nicht in der Technologie selbst, sondern in der Fähigkeit, wachsende Komplexität wirtschaftlich zu beherrschen und in echte Wertschöpfung zu übersetzen. Dabei greifen mehrere Entwicklungen ineinander. Agentic AI – also KI-Systeme, die eigenständig Entscheidungen treffen – verdrängt rein generative Funktionen. Composable DXP wird zur Organisationsaufgabe. Und Machine Readability entscheidet darüber, ob Inhalte in KI-vermittelten Informationsräumen überhaupt sichtbar sind.
Für Unternehmen, die eine DXP betreiben oder aufbauen, geht es daher weniger um neue Tools als um die Frage, wie sich steigende Komplexität wirtschaftlich, organisatorisch und strategisch steuern lässt.
Die vier Kernaussagen dieses Beitrags
- KI wird operativ: Agentic AI verlagert KI von Assistenzfunktionen in die Steuerung von Plattformen und erhöht damit Anforderungen an Governance und Verantwortung.
- Composable braucht Organisation: Der Erfolg modularer DXPs entscheidet sich weniger an der Technologie als am Operating Model – also an klaren Verantwortlichkeiten und Prozessen.
- Content wird maschinenfähig: Machine Readability und Atomic Content sind Voraussetzung für Sichtbarkeit in KI-vermittelten Informationsräumen.
- Stabilität schlägt Geschwindigkeit: Governance-by-Design und Resilienz sichern Skalierbarkeit und nachhaltige Wertschöpfung.
Wertschöpfung statt Feature-Hype
Die DXP-Trends 2026 stehen an einem Wendepunkt. Während Composable DXP und Generative AI technologisch gesetzt sind, bleibt die tatsächliche Wertschöpfung häufig das Nadelöhr. Bereits im Vorjahr haben wir in unserem Beitrag zu den DXP-Trends 2025: Personalisierung, KI und Integration als Erfolgsfaktoren gezeigt, wie stark sich der Fokus von einzelnen Features hin zu integrierten Plattformstrategien verschoben hat.
Die Aufmerksamkeit für KI ist in vielen Organisationen enorm gestiegen. Gleichzeitig fehlt es in der Umsetzung oft an Klarheit: Viele Entscheider:innen wissen noch nicht, wie KI-basierte Funktionen individuell, steuerbar und gewinnbringend eingesetzt werden können. Statt innovativer Steuerungsmechanismen werden häufig vorgefertigte KI-Features implementiert, die kaum über Standard-LLMs hinausgehen.
2026 ist daher weniger das Jahr neuer Gadgets als vielmehr das Jahr, in dem DXP-Strategie zur Operating-Strategie wird. Analysten wie Gartner und Forrester bestätigen diesen Trend: Vertrauen sowie die Fähigkeit, KI-Agenten sicher zu managen, entscheiden künftig darüber, ob digitale Initiativen Wert stiften oder Vertrauen verspielen.
DXP-Trends 2026 – Trend 1: Composable DXP als Organisationsaufgabe
Die Ausgangslage
Die Zeit reiner Architektur-Theorie ist vorbei. 2026 wird deutlicher denn je, dass der Aufbau einer modularen DXP kein IT-Einkaufsprojekt ist, sondern ein komplexer Organisationsauftrag.
Der Trugschluss
Die Annahme, Modularität mache Systeme automatisch schneller und günstiger, erweist sich in der Praxis häufig als Fehleinschätzung. Eine Composable DXP basiert auf spezialisierten Services und APIs. Im Betrieb bedeutet das: Daten müssen systemübergreifend konsistent bleiben, und Störungen müssen über alle Dienste hinweg beherrschbar sein.
Was das in der Praxis bedeutet
Fehlende organisatorische Reife zeigt sich nicht in Architekturdiagrammen, sondern unter anderem in:
- explodierenden Integrationskosten
- langsamen Release-Zyklen
- schwer steuerbaren Abhängigkeiten zwischen Teams und Systemen
Die Lösung
Ohne ein klares Operating Model – also definierte Verantwortlichkeiten für Systemverträge, Datenmodelle und Plattform-Backlogs – wird Composable schnell teuer und ineffizient. Ein tragfähiges Operating Model ermöglicht es, Innovationen zu verantworten, ohne operative Stabilität zu gefährden.
Wichtig ist dabei: Modularität schützt nicht automatisch vor Lock-in. Proprietäre SDKs oder nicht standardisierte APIs können formale Freiheit in faktische Abhängigkeit verwandeln.
Trend 2: Agentic AI – Von der Assistenz zur autonomen Steuerung
Obwohl KI im Mainstream angekommen ist, bleibt ihre Nutzung in vielen DXPs auch 2026 oberflächlich. Der Fokus liegt häufig auf redaktionellen Use-Cases wie Text-, Bild- oder Übersetzungserstellung.
Die eigentliche Chance liegt jedoch in Agentic AI. Hier übernimmt KI Steuerungsfunktionen innerhalb der Plattform und in Governance-Prozessen, indem sie Entscheidungen vorbereitet und Aktionen eigenständig auslöst.
Typische Anwendungsfälle sind etwa KI-basiertes Angebots-Routing, dynamische Personalisierung in Echtzeit oder automatisierte Qualitätssicherung von Inhalten. Die Herausforderung liegt dabei weniger in der Technologie als in Verantwortung, Transparenz und Kontrollierbarkeit. Wer diese Hürden überwindet, transformiert seine DXP vom passiven Content-System zum aktiven Service-Kanal mit messbarem ROI.
Trend 3: Service Automation & Conversational AI
Conversational AI wird 2026 zur strategischen Kernkomponente. Ein isolierter Chatbot bleibt jedoch ein substanzloses Interface. Echte Service Automation erfordert tiefe Integration in Wissensbasen, Datenräume und Backend-Prozesse.
Richtig umgesetzt entlastet Automatisierung Service-Teams und Fachbereiche, während Kund:innen schneller Antworten erhalten. Gleichzeitig bleibt das Risiko des Halluzinierens bestehen. Fehlkonfigurierte KI-Systeme im Self-Service können Vertrauen beschädigen und neue operative Abhängigkeiten schaffen.
Trend 4: GEO statt SEO – Sichtbarkeit in der Ära der Answer Engines
2026 verändert sich grundlegend, wie Informationen gefunden werden. Klassische Suchergebnislisten verlieren an Bedeutung, während KI-Agenten Antworten direkt synthetisieren. SEO wird daher durch Generative Engine Optimization ergänzt.
Entscheidend ist nicht mehr die Klickzahl, sondern ob KI-Systeme Inhalte als zitierwürdig einstufen. Dafür müssen Inhalte strukturiert, semantisch ausgezeichnet und maschinenlesbar sein. Atomic Content und sogenannte Grounding Pages schaffen stabile Referenzpunkte, an denen KI Marken, Themen und Aussagen eindeutig verankern kann.
Trend 5: Resilienz und Governance-by-Design
Alle bisherigen Entwicklungen setzen ein belastbares Fundament aus Sicherheit, Resilienz und Governance voraus. Composable Architekturen erhöhen durch viele APIs die Angriffsfläche, während Agentic AI autonome Entscheidungen trifft.
Governance-by-Design bedeutet, Compliance-Regeln und Datenverträge nicht nachträglich aufzusetzen, sondern von Beginn an in die Architektur zu integrieren. Ziel ist eine minimale, aber wirksame Governance, die Innovation erlaubt und gleichzeitig klare Guardrails etabliert.
Fazit: Umsetzung schlägt Buzzwords
Die DXP-Trends 2026 markieren den Punkt, an dem sich Anspruch und Realität trennen. Der Engpass liegt nicht mehr in der Technologie, sondern in ihrer Übersetzung in nachhaltige Wertschöpfung:
- Composable Architekturen benötigen ein klares Operating Model
- KI muss über redaktionelle Assistenz hinaus in die Prozesssteuerung hineinwachsen
- Inhalte müssen konsequent maschinenlesbar und strukturierbar sein
Der Reifegrad einer DXP zeigt sich damit weniger in der Funktionsvielfalt als in der organisatorischen Fähigkeit, Komplexität kontrolliert zu steuern.
Dein Experte: Dirk Langenheim ist Teil des DXP-Expert:innen-Teams bei team neusta und seit 25 Jahren im Bereich Digital Platforms und Web Content Management unterwegs. In dieser Zeit hat er ein breites Spektrum an Projekten begleitet und Erfahrungen mit unterschiedlichsten DXP-Technologien gesammelt. Er war maßgeblich am Aufbau vieler anspruchsvoller Plattformen beteiligt, die tief in Unternehmen verankert sind und verschiedene Märkte sowie Kanäle adressieren.
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